VOLTAR

Flucht in den Regenwald

Frankfurter Allgemeine Woche, Politik, p. 30-32
05 de jun de 2020

Flucht in den Regenwald
Viele Indigene in Amazonien suchen in den Wäldern Schutz vor Corona. Ihr Sterberisiko ist hoch. Das liegt nicht nur an einer schwächeren Immunabwehr.

Freitag, 05.06.2020

Von Tjerk Brühwiller, São Paulo

Dário Kopenawa ist besorgt. Eine neue Epidemie bedroht sein Volk, eine „Xawara". So nennen die Yanomami Krankheiten, die von Weißen eingeschleppt wurden. Das neue Coronavirus habe es bereits in einige Dörfer am Rande des Yanomami-Territoriums geschafft, sagt der junge Indigene. Er ist der Sohn des weltbekannten Yanomami-Anführers Davi Kopenawa. Anfang Juni waren 53 Covid-19-Fälle bei den Yanomami bekannt. Wie viele Angehörige der Volksgruppe tatsächlich infiziert sind, weiß niemand genau. Insgesamt starben bislang drei Yanomami an dem Virus. Bereits im April hatte der Tod eines 15 Jahre alten Yanomami für Aufsehen gesorgt. Er hatte sich mit dem Coronavirus infiziert. Wenige Wochen später starb ein Neugeborenes an dem Virus. „Wir sind traurig und sehr verängstigt", sagt Kopenawa. Wenn die „Xawara" einmal in den Dörfern der Yanomami angekommen sei, werde sie großes Leid anrichten.

Die Sorge ist berechtigt. Eine Studie des brasilianischen „Instituto Socioambiental" (ISA) und der Universität von Minas Gerais hat Szenarien für die Ausbreitung der Epidemie in verschiedenen Indianerreservaten durchgerechnet. 78 Volksgruppen sind inzwischen schon betroffen. Das Risiko für die Yanomami wird als besonders hoch eingeschätzt. Im schlimmsten Fall könnte das Virus bis zu vierzig Prozent aller Yanomami befallen, die im Umkreis von fünf Kilometern von illegalen Goldgräber-Camps leben. Das trifft auf rund die Hälfte des gesamten Volkes im Reservat zu, das insgesamt mehr als 27 000 Angehörige zählt.Experten befürchten eine höhere Sterblichkeitsrate bei Indigenen, die sich mit dem Coronavirus anstecken. Der Grund liege nicht darin, dass die Indigenen keine Antikörper gegen das Virus aufbauen könnten, erklärt Douglas Rodrigues, ein auf öffentliche Gesundheit und Indigene spezialisierter Mediziner der Bundesuniversität von São Paulo. „Das Coronavirus ist für alle neu. Es gibt diesbezüglich keine Unterschiede zwischen uns und den Indigenen." Allerdings hätten die indigenen Völker eine schwächere „kollektive Immunität", da ihr Kontakt mit Krankheiten historisch kleiner und ihr Zugang zu Impfungen begrenzt sei. Als entscheidend erachtet Rodrigues aber vor allem den allgemeinen Gesundheitszustand vieler Indigener. „Viele sind bereits durch andere Krankheiten geschwächt", sagt er. Auch die Zahl der Diabetes-Fälle sei beispielsweise in einigen Völkern sehr hoch, da sich ihre Essgewohnheiten durch den Kontakt mit Weißen verändert hätten. Die Gesundheitsversorgung in den Reservaten sei besser geworden, doch weiterhin mangelhaft. Hinzu komme, dass der Weg von den Reservaten in Städte mit gut ausgerüsteten Krankenhäusern in der Regel sehr weit sei. „Wer ernsthaft erkrankt, schwebt in Lebensgefahr." Eine empfindliche Dezimierung der Urvölker durch die Epidemie hält Rodrigues nicht für ausgeschlossen.

Aus Angst vor der neuen Krankheit sind viele Yanomami-Familien tief in den Wald geflüchtet. „So machen wir das, wenn es Epidemien gibt", sagt Kopenawa. „Das ist unsere Kultur, unsere Art der Quarantäne." Auch Kopenawas Vater war in den vergangenen dreißig Tagen im Wald. Er hat seine Aufgaben dem ältesten Sohn überlassen. Von der Stadt Boa Vista im Bundesstaat Roraima, wo die Yanomami-Organisation Hutukara ihren Sitz hat, steht der junge Anführer über Funk in ständigem Kontakt mit den Dörfern im Reservat, tauscht sich mit Vertretern anderer indigener Völker aus und macht die Öffentlichkeit auf die Situation aufmerksam. „Meiner Familie geht es gut", sagt er. Doch er weiß, wie rasch sich das ändern kann. In den vergangenen Tagen erreichten ihn Nachrichten von seiner Schwägerin, die an einer Krankheit leidet. Ihr kritischer Zustand hat sich in der vergangenen Woche allerdings wieder stabilisiert. Sie sei nicht am Coronavirus erkrankt, meint Kopenawa und erzählt, dass die Schamanen mit ihrer Heilung begonnen hätten.

Goldgräber schleppen Krankheiten ein

Den Schamanen wird einiges abverlangt werden in den kommenden Wochen und Monaten. Das Gebiet der Yanomami ist mit 9,6 Millionen Hektar etwa so groß wie Portugal. Es ist das größte Indianerreservat Brasiliens. Das Reservat grenzt im Norden an Venezuela und erstreckt sich über die brasilianischen Bundesstaaten Roraima und Amazonas. Beide Bundesstaaten sind stark von der Corona-Epidemie betroffen, mit überdurchschnittlichen Fallzahlen pro Einwohner. Gerade an den Rändern des Reservates sind die Indigenen im Kontakt mit den umliegenden Gemeinden. Das erhöht das Ansteckungsrisiko. Auch sind einzelne Fälle bekannt, in denen Indigene durch Mitarbeiter der Indigenen-Gesundheitsbehörde angesteckt wurden. Gelangt das Virus in ein Dorf, ist es kaum aufzuhalten. Die Lebensweise der Yanomami kennt keine soziale Distanzierung. Oft leben mehrere Familien unter einem Dach.

Krankheiten finden allerdings häufig durch unfreiwilligen Kontakt ihren Weg zu den Yanomami. Seit Jahrzehnten haben es Goldgräber auf die Reichtümer in ihrem Gebiet abgesehen. Sydney Possuelo, einer der bekanntesten Indigenen-Forscher Brasiliens, erinnert sich noch gut an die Zeit, als das Territorium der Yanomami Anfang der neunziger Jahre als eines von vielen demarkiert wurde. Die neue Verfassung schützte erstmals das Recht der Indigenen auf ihr Land und ihre herkömmliche Lebensweise. Der heute achtzig Jahre alte Possuelo war damals Chef der brasilianischen Indigenen-Behörde Funai. Als ihn der damalige Präsident Fernando Collor gefragt habe, mit welchem Territorium zu beginnen sei, habe er ihm geantwortet: „Mit dem schwierigsten." Die Schwierigkeit lag darin, dass sich damals gut 35 000 Goldgräber im Gebiet der Yanomami aufhielten. Gegen den Widerstand der lokalen Politik wurde das Gebiet innerhalb von neunzig Tagen geräumt. „Es war eine beispiellose Aktion und ein Sieg für die Indigenen", sagt Possuelo rückblickend.

Die Demarkierung von Indianerterritorien habe immer schon den Widerstand der lokalen Politik und Wirtschaft geweckt, sagt Possuelo. „In Roraima waren wir damals so verhasst, dass ich Personenschutz brauchte." Dennoch habe der Staat seine in der Verfassung vorgesehene Verpflichtung zum Schutz der Indigenen wahrgenommen. Von der Aufbruchstimmung und dem ethischen Konzept von damals sei Brasilien heute Welten entfernt. Possuelo zieht die kürzlich an die Öffentlichkeit geratene Kabinettssitzung der Regierung als Beispiel heran, in der der Umweltminister sagte, dass die Corona-Krise eine gute Gelegenheit zur Deregulierung des Umweltbereichs darstelle. Geht es nach der Regierung, sollen Indianerreservate für wirtschaftliche Aktivitäten freigegeben und illegal gerodetes Land in Amazonien legalisiert werden. Präsident Bolsonaro wurde 2018 mit dem Versprechen gewählt, den Indigenen „keinen einzigen Meter" herzugeben. „Brasilien hat die Indigenen nie gemocht", sagt Possuelo. Heute sei das Vorgehen gegen die Urvölker organisierter und sichtbarer denn je.

Die Leidensgeschichte der Vorfahren wiederholt sich

Sichtbarer sind auch die illegalen Eindringlinge, die sich immer zahlreicher über die Indianerreservate hermachen. Nach erfolgreichen Aktionen der Armee und der Polizei gegen die Goldgräber in früheren Jahren wird den Invasoren seit vergangenem Jahr kaum noch Einhalt geboten. Stark betroffen sind die Yanomami, in deren Gebiet die Zahl der Goldgräber - angetrieben von der Nonchalance der Regierung und dem hohen Goldpreis - von wenigen hundert auf heute schätzungsweise mehr als 20 000 angestiegen ist. Eine Auswertung von hochaufgelösten Satellitenbildern zeigt, dass die Goldgräber allein im März dieses Jahres eine Waldfläche von 114 Hektar zerstörten. Unmengen von Quecksilber verschmutzen die Gewässer.

Mit den Goldgräbern kommen nicht nur Krankheiten, sondern auch Alkohol, Drogen, Prostitution und Gewalt. „Die Goldminen töten die Yanomami. Wir wollen die Goldgräber nicht bei uns", sagt Kopenawa. Der junge Indigenenführer muss mit ansehen, wie sich die Leidensgeschichte seiner Vorfahren wiederholt, die immer wieder von den Goldgräbern heimgesucht wurden. „Sie brachten Masern und Malaria. Und heute bringen sie das Coronavirus", sagt er. „Und wenn wir davon nicht krank werden, dann vom Wasser, das schmutzig ist." Selbst die nicht kontaktierten Gruppen sind in den Tiefen des Waldes nicht mehr sicher. Luftaufnahmen zeigen Landepisten und Erdkrater der Goldgräber nur wenige Kilometer von ihren Siedlungen entfernt. „Wir selbst haben keinen Kontakt zum Volk des Waldes", sagt Kopenawa. „Wir wissen nicht, was gerade mit ihnen geschieht."

Mit der Ankunft der neuen „Xawara" ist Dário Kopenawa in die Fußstapfen seines Vaters getreten. „Bei den Yanomami ruhen sich die Kämpfer aus, die schon viel gekämpft haben", erklärt er. Als Kind habe er miterlebt, wie sein Vater um die Welt gereist sei, wie er gekämpft und gelitten habe und bedroht worden sei. Nun sei er am Platz seines Vaters, darauf sei er vorbereitet worden. „Ich werde der Welt die Wahrheit zeigen und die Rechte meines und anderer Völker verteidigen, wie mein Vater." Das sei sein Kampf, und den führe er nicht allein.

https://zeitung.faz.net/woche/politik/2020-06-05/50fb2d4635d0a03dda4960…

Frankfurter Allgemeine Woche, 05/06/2020, Politik, p. 30-32.

As notícias aqui publicadas são pesquisadas diariamente em diferentes fontes e transcritas tal qual apresentadas em seu canal de origem. O Instituto Socioambiental não se responsabiliza pelas opiniões ou erros publicados nestes textos. Caso você encontre alguma inconsistência nas notícias, por favor, entre em contato diretamente com a fonte.